Behördendeutsch

Bitte im Bistro melden

Nicht schön, aber eindeutig: hier weiß jeder sofort, was gemeint ist

Das, was man meint und jenes, was geschrieben steht, ist in den allermeisten Fällen nicht deckungsgleich. Die merkwürdigste Variante des Auseinanderdriftens von tatsächlicher Schrift und eigentlichem Ziel und Zweck der Aussage ist das Behördendeutsch bzw. Beamtendeutsch. Hier sind keine Gefühle, Stimmungen oder Meinungen zu berücksichtigen (wodurch beispielsweise die Umgangssprache ganz zwangsläufig beeinflußt wird); ebenso kann durch Mimik und Gestik nichts abgewandelt werden. Dennoch versteht der Normalbürger in der Regel nichts und die kleine Elite, die dem Kauderwelsch inhaltlich folgen kann, schüttelt nachdenklich den Kopf. Allein die Länge der Behördendeutsch-Texte ist meistens ermüdend bis unerträglich.

Deutsch, das keiner versteht

Wo die Ursachen für diese mehr als sonderbare Form des Deutschen zu finden sind, weiß höchstwahrscheinlich niemand. Eine denkbare Erklärung: das wurde schon immer so gemacht. Hilfreich könnte es für Behörden sein, jemanden zu fragen, wie die Sprache verständlicher gemacht werden könnte: Kinder würden es ganz einfach umschreiben, eine Internetagentur würde gleich an die mögliche digitale Vermarktung der Inhalte nachdenken, Twitter-Nutzer hätten in 140 Zeichen alles gesagt und vermutlich hat Google auch für Behördendeutsch bzw. Juristendeutsch ein kostenloses Übersetzungstool.

Hier ein Beispiel, das durchaus als Abschreckung dienen darf:

Versicherungspflichtig sind gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V), § 20 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Elftes Buch (SGB XI), § 1 Satz 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Sechstes Buch (SGB VI) sowie § 24 Abs. 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Drittes Buch (SGB III) Arbeitnehmer.

Solche Sätze in epischer Breite stammen von der Deutschen Rentenversicherung. Vermutlich war gemeint: Arbeitnehmer sind gemäß gesetzlicher Regelungen versicherungspflichtig.

Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Spruch des Tages: Matt Ridley

Schlechte Nachrichten kommen als Flut, gute Nachrichten als Tropfen.

Es spritz gewaltig aus der Wanne

Es kommt auch auf die Menge der Tropfen an

Matt Ridley im Gespräch mit Christine Brinck. Aufgezeichnet ist das vollständige Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 31.12.2011. Der Zoologe (Doktor der Zoologie in Oxford) und Autor (u.a. für Economist) lebt in Newcastle upon Tyne. Einer breiten Öffentlichkeit ist er durch seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt geworden. Ridley erklärt in seinem Werk, wie evolutionäre Adaption die komplexen Verhaltensweisen des Menschen begründet. Große Beachtung fand in Deutschland sein Buch The Origins of Virtue. In seinem Buch The Rational Optimist (2010), ruft er auf : “Wage es, ein Optimist zu sein!”

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Matt_Ridley – Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Zitat des Tages: Hellmuth Karasek

Wer sich im Kreis bewegt, kommt darin um.

Im Kreis drehen

Hier besteht kaum Gefahr: kein Kreis zum umkommen. Und: glückliche Familien.

Hellmuth Karasek im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) am 04.01.2012. Von 1974 bis 1996 leitete er beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel das Kulturressort und wurde zu einem der bekanntesten Literatur- und Filmkritiker. Seine Erfahrungen verarbeitete er in dem 1998 bei Rowohlt erschienenen Schlüsselroman Das Magazin. Nach seiner Zeit beim Spiegel war er bis 2004 Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegels.

Heute arbeitet er unter anderem für die Zeitungen Die Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost der Axel Springer AG. 1988 bis 2001 war Karasek neben Marcel Reich-Ranicki ständiger Teilnehmer an der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett. Als Buchautor sowie Theater- und Filmkenner ist er Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und in der Freien Akademie der Künste in Hamburg. 1992 wurde Karasek Honorarprofessor am theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg. Außerdem ist er Unterstützer des Zentrums gegen Vertreibungen.

Im genannten Interview mit der SZ verrät Karasek, welcher sein liebster Roman ist: Tolstois Anna Karenina. Allein dessen erster Satz zeige, wie ein perfekter erster Satz in der Weltliteratur auszusehen hat, so Karasek: “Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art.”

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hellmuth_Karasek – Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Twitter Hashtag #wulfffilme – 200 Bundespräsidenten-Kinohits

Über 400 Filmvorschläge zu Ehren von Bundespräsident Christian Wulff und seiner Kredit-, BILD- und Anrufbeantworteraffäre sind bei Twitter online und stündlich werden es mehr. Die Twitter-User nutzen den hashtag #wulfffilme. Die Aktion zeigt wieder einmal Geschwindigkeit und Kreativität der Web2.0-Gemeinde. Auf storify.com kann die komplette Liste eingesehen werden, die von Thomas Kohler zusammengestellt wurde. Inzwischen wurden auch die ersten Filmplakate hinzugefügt. Passend zur Thematik ein Auszug aus der Rede des Bundespräsidenten vom 22. Dezember 2011, die er als Reaktion auf erste Beschuldigungen bezüglich seines Privatkredites hielt:

“Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft. Das bedeutet gerade für Amtsträger, jederzeit die Wahrnehmung ihrer Aufgaben vor der Öffentlichkeit zu erläutern und gerade auch im Grenzbereich zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen Amt und privat, die erforderliche Transparenz herzustellen. Das ist, wie viele von Ihnen auch wissen, nicht immer leicht, gerade, wenn man an den Schutz betroffener Familienangehöriger und Freunde denkt. Aber es ist eben notwendig, denn es geht um Vertrauen in mich und meine Amtsführung.”

Twitter Hashtag Wulfffilme

 

Steuersenkung zum Nachrechnen

Erfolgsmeldung – und was dahinter steckt

Das Leben genießen

Es sich richtig gut gehen lassen

Koalition einigt sich auf Steuersenkung – Steuerstreit in schwarz/gelber-Regierung beigelegt – Steuerentlastung kommt – Weniger Steuern für kleine und mittlere Einkommen: so oder so ähnlich lauteten die Pressemeldungen zum Koalitionsgipfel der CDU, CSU und FDP Anfang November 2011. Hört sich gut an, zumal die Summe von sechs Milliarden EURO (in Zahlen € 6.000.000.000) ins Spiel gebracht wurde. Tolle Regierung, danke!

Allerdings lohnt sich eine kurze Überschlagsrechnung, die die Meldung in ein anderes Licht rückt.

  • 6 Mrd. EURO sind je Bundesbürger etwa 75 EURO jährlich, im Monat also etwas mehr als sechs EURO. Nun könnte man noch Rentner, Kinder und Arbeitslose herausrechnen – es werden dennoch nur knapp zehn EURO im Monat an Steuererleichterung je Beitragszahler sein.
  • Das ganze startet ab 2013. Also noch über ein Jahr, bis überhaupt etwas passiert.
  • Ob dieser Vorschlag tatsächlich Realität wird, hängt mindestens zur Hälfte vom Bundesrat ab, da die Bundesländer die Steuersenkungen mitfinanzieren müssen. Wegen der fehlenden Mehrheit von Schwarz/Gelb in diesem Gremium, ist die Bunderatszustimmung mehr als ungewiß. Zudem ließ SPD-Chef Gabriel verlauten, er werde gegen Steuersenkungen Klage einreichen.

Die Meldung hätte also korrekt heißen müssen: Knappe 10 EURO gibt es übernächstes Jahr mehr, aber ob das tatsächlich eintritt, hängt vom Wohlwollen der politischen Konkurrenz und von Gerichten ab. Eine schöne Erfolgsmeldung.

Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Nobelpreis Gedicht

Herbst

Die Farben sind andere geworden

Die Lobeshymnen auf Tomas Tranströmer waren ebenso zahlreich, wie die Anzahl derer, die den Lyriker und sein Werk kennen und verehren. Das war allerdings vor der Bekanntmachung, daß der schwedische Autor den Nobelpreis für Literatur erhalten wird. Danach stiegen die Verneigungen auf ein Maß, das mindestens als wohlwollend zu bezeichnen war. Die Lesergemeinde des Nobelpreisträger dürfte indes klein geblieben sein. Gedichte sind eben nicht die ganz gewöhnliche Kost des gemeinen Lesers. Die Zeilen von Tranströmer sind meistens kurz (was in den Kritiken als dichte Sprache bezeichnet wurde) und handeln vom ganz normalen Leben: wie Romane von Paulo Coelho, nur mit Tiefgang oder wie die Schinken von Ken Follett, aber mit etwa 1.000 Seiten weniger Text.

Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist die Rolle des Hanser Verlags. Auffallend viele Literatur-Nobelpreisträger werden dort verlegt. Daher darf die Frage gestattet sein: wird Henning Mankell den Preis je entgegen nehmen können, oder scheitert er daran, daß in den nächsten fünfzig Jahren kein Schwede wieder an der Reihe sein wird? Hier das Kultur-Kolumne-Gedicht im Tranströmer-Stil:

Herbst

Gestalten formen sich
im Dunkel der Straße.
Die Kälte des Abends ist jetzt merklich,
die Farben sind andere geworden.
Stille.

Heute ist die Familie beisammen.
Am Herbstabend vermißt keiner etwas.
Der Himmel leuchtet nicht.
Ruhe.

Der Acker ist hart und grau.
Jegliches Grün ist fern.
Geräuschlosigkeit auch auf dem Meer.

Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Wahlkampf in der Provinz

Wahlkampff

Laternen sind unverzichtbar im Wahlkampf

Wer Wahlkampfplakate erfunden hat, läßt sich heutzutage nicht mehr konkret ermitteln. Durchweg alle Parteien scheinen aber den Werbezweck dieser übergroßen Paßbilder für Landtagswahlen anzuerkennen. Zu sehen sind Männer mit und ohne Bart, mit und ohne Brille und mit und ohne Glatze. Meistens mit Krawatte, die wagemutigen Kandidaten lassen den Hals frei. Damen sind in der Unterzahl auf den Postern vertreten. Zudem sind die Farben auf blau, rot, grün und gelb, die Schriftgröße auf unlesbar und die Aussagekraft auf beliebig beschränkt. Spätestes nach dem dritten Laternenpfahl weiß man überhaupt nichts mehr von den Unterschieden der Parteien, alles verschwimmt in der bunten Gesichterwelt von lauter netten Leuten. Bemerkenswert sind die Versuche, durch schräg angebrachte, zusätzliche Aufkleber den Wähler von der Bedeutung der Zweitstimme zu überzeugen. Wirkt so etwas? Die Anzahl derer, die ein Interesse daran haben, Plakate zu verunstalten, zu zerstören oder zu klauen ist vermutlich größer.

Mehr als je ein Polizeifahrzeug und ein Fotograf mit professioneller Ausrüstung sind unmissverständliche Zeichen. Die Politprominenz hält Hof im Wahlgebiet. Die Tatsache, daß Polizisten und Reporter zu entdecken sind, deutet darauf hin, daß die Spitzenkandidaten sich persönlich beim Wahlvolk sehen lassen. Die Anwesenheit von privaten Sicherheitsdiensten, die ausschließlich muskulöse Herren zwischen 25 und 40 mit bösem Blick, breiten Schultern, mäßig sitzenden Anzügen und einem Kabel im Ohr einstellen, bestätigen diesen Eindruck. Bei der zweiten oder dritten Garde der Kandidaten fehlen die Ordnungshüter garantiert (Personenschutz gibt es in Deutschland offenbar erst ab Minister aufwärts), die Presseleute meistens (wenn sich nicht irgendwo in der Nähe ein schwerer Verkehrsunfall zugetragen hat) und das Wahlvolk zuweilen auch.

Die Fraktion der Kurzarmhemden

Poster zur Landtagswahl

Partei oder Nicht-Partei

Die hohen Herren der Parteien ziehen vor allem die eigenen Mitglieder an. Das ist einerseits schade um den Aufwand für die Wahlkampfveranstaltungen, andererseits wären womöglich sonst viele Reden gänzlich ohne Publikum abgehalten worden. So sind Turnhallen, Festzelte und andere (für professionelle Werbezwecke an sich ungeeignete) Veranstaltungsorte mit Ortsvereinsmitgliedern und deren Verwandten gefüllt. Viele von Ihnen tragen kurzärmelige Hemden (ist ja Sommer) und Krawatten (ist ja was Offizielles), was bei den meisten in Kombination merkwürdig aussieht. Dazu sieht man die Mitglieder der Jugendorganisationen der jeweiligen Parteien. Das senkt den Altersdurchschnitt des Publikums beträchtlich. Diese Gruppe scheint die Hoffnung der Parteien zu sein. Warum, bleibt jedoch unklar. Wenn Deutschlands Jugend tatsächlich so bieder sein sollte, wie es die Jung-Parteiler verkörpern, ist einem um die Zukunft des Landes bange. Andersrum: wollen diese Jugendlichen (in großer Mehrzahl Jungs) tatsächlich so werden, wie jene Parteimitglieder, die auf dem Podium reden? Warum sind Politiker für sie Idole?

Mitunter passieren bei den Wahlkampfauftritten dann unerwartete Dinge. Der Wahlkampfauftakt (viel Sicherheitspersonal, viel Presse, viele geladene Gäste) platzt schon mal aus allen Nähten, weil einfach zu wenig Stühle vorhanden sind. Das Bemühen, doch noch ausreichend Sitzgelegenheiten für den Abend bereit zu stellen, wird dann auch der sympathischste Moment des Abends bleiben. Danach sinkt das Maß der Herzlichkeit und der Ehrlichkeit.

Das musikalische Rahmenprogramm wurde sorgfältig ausgewählt. Mann/Frau, Jung/Alt – mindestens hier wirkt vorbildlich das Gender-Programm, das sich die Partei selbst auferlegt hat. Die jungen Damen spielen Pop-Rock und das gar nicht mal schlecht. Eine junge hübsche an der Geige, eine nicht ganz so junge und weniger hübsche an der Gitarre mit viel zu engen weißen Hosen, unnötigen Tattoos und weißblonden Haaren und eine Baßspielerin. Sie ist eine hervorragende Musikerin, Outfit und Haare scheinen ihr allerdings egal zu sein; passend dazu: ihre Sandalen (es ist ja Sommer). Sie hat den Auftrag, Stimmung in denn Saal zu bringen. Das soll durch die permanente Aufforderung zum Mitklatschen gelingen, tut es aber nicht. Es klatscht nur hier und da (in der vorderen Reihen etwas mehr, denn dort würde die Fotografen das Nicht-Klatschen festhalten können). Der männliche Gegenpart des Kulturteils ist dann noch befremdlicher. Er will sich offenbar für weitere dieser Veranstaltungen empfehlen und ruft zwischen seinen Songs zum Wählen der veranstaltenden Partei auf. Fast erstaunlich, daß er der einzige an diesem Abend bleibt, der das wörtlich tut.

Gelebte Lockerheit

Dann der Auftritt der Gladiatoren: die hochrangigen Politiker aus den anderen Bundesländern zur Unterstützung der Parteifreunde. Einer ist unterhaltsam und verständlich in seiner Argumentation. Den würde man wählen, wenn er denn in diesem Bundesland zur Wahl stünde. Der andere nervt ungemein durch Namedropping seiner Vorgänger, Worthülsen und scheinbare Geschichten aus dem richtigen Leben, die ausnahmslos wie ausgedacht und vom persönlichen Referenten aufgeschrieben wirken. Die Protagonisten, um die es an diesem Abend eigentlich geht, zeigen sich professionell vorbereitet und wahnsinnig locker. Nur interessiert das kaum noch jemanden nach neunzig Minuten Musik und Grußworten. Lustig wird es nur dann, wenn auf den anderen Parteien und deren Strategen rumgehackt wird. Ob das als Argument reicht, diese Partei zu wählen, weil die anderen ganz viele Fehler machen, bleibt abzuwarten. Konstruiert wirken auch Parteiprogramme von derzeit an der Macht sitzenden Parteien. Warum sie das, was sie groß ankündigen, nicht einfach jetzt schon umsetzen, wo sie es in der Hand haben, bleibt eines der großen Geheimnisse der Politik.

Die Freude ist groß

Ehrlich wird der Wahlkampfabend dann erst wieder am Buffet, an dem es Rustikales und Regionales gibt. Die Parteifreunde warten geduldig, daß die Bockwürste aufgefüllt werden und trinken Bier in solchen Mengen, die man mit der Länge der Reden und/oder der kostenlosen Verfügbarkeit begründen kann. Die Politprofis versuchen noch, Bedeutendes und Bewegendes in die anwesenden Mikrofone und Kameras zu formulieren. Der Wahlkampfbesucher ist zu dieser Zeit schon auf dem Heimweg und freut sich auf die nächsten Europawahlen. Dann werden die Menschen auf den Postern am Straßenrand noch unbekannter sein.

Fotos: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Barrierefrei? Besucherfreundliche Museen

Im Landesmuseum Mainz fand Ende August 2011 eine Informationsveranstaltung für Behindertenverbände und Museen statt. Eingeladen hatte der Museumsverband Rheinland-Pfalz. Beantwortet wurden Fragen rund um das Thema Barrierefreiheit in Museen und ähnlichen touristischen Einrichtungen. Diese Aspekte wurden unter anderem vorgestellt:

  • UN-Behindertenrechtskonvention
  • aktuelle Richtlinien und Normen im Bereich Bauen oder Anforderungen
  • Strategien im barrierefreien Tourismus
  • Barrierefrei gestaltete Internetseiten
  • Entwicklung von Angeboten für Zielgruppen mit speziellen Einschränkungen
Innovative Ausstellungskonzepte

Vielfach gelobt für frische Ideen: Hygiene Museum in Dresden

Die wichtigste Erkenntnis der Veranstaltung: Barrierefreiheit in Museen hilft nicht nur Menschen mit Behinderung. Eltern mit kleinen Kindern, Kranke, ältere Menschen und viele weitere spezielle Bevölkerungsgruppen freuen sich ebenso über fehlende Hindernisse. Museen, die ihre Besucherzahlen steigern wollen/müssen, sollten sich fragen, ob nicht die Hindernisse, die viele Teile der Bevölkerung von einem Besuch abhalten könnten, die Ursache für mäßige Besucherzahlen sind.

Die Referate der Tagung kamen vor allen von Praktikern und waren dankenswerterweise ausdrücklich kurz aber dafür umso prägnanter. Diese Themen wurden behandelt (Titel, Refrent und kurzer Überblick):

Der Aktionsplan der Landesregierung Rheinland-Pfalz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention
Ottmar Miles-Paul, Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen

Der Aktionsplan ist bereits Arbeitsgrundlage für das Bundesland. Großes Ziel: Inklusion von Anfang an – nicht „nur“ Integration von behinderten Menschen. Konkrete Maßnahmen: Schulungen, barrierefreier Zugang für Museen und historische Gebäude (Paradebeispiele: Landesmuseum Mainz, Gedächtniskirche Speyer, Staatstheater Mainz, Theaterfestival Mainz und das Hambacher Schloß). Gelungen war beispielsweise die BUGA 2011 in Koblenz (z.B. mit der barrierefreien Seilbahn).

Relevante DIN-Normen für die Ausstattung und die Erreichbarkeit von Museen für behinderte BesucherInnen
Heinrich Mockenhaupt, Sachverständiger, Fachingenieur für barrierefreies Bauen

Nicht „nur“ gehbehinderte Menschen sind im Fokus, sondern viele verschiedene Behinderungen werden bedacht (vor allem Seh- und Hörbehinderte). Meistens sind schon kleine Details, die nicht teuer sein müssen, nützlich und enorm hilfreich. In der Regel sind Kompromisse machbar (Kosten, Denkmalschutz usw.). Vorbildlich sind beispielsweise Audioguides und taktile Elemente für Sehbehinderte und Videoguides mit Gebärdensprache für Hörbehinderte an Exponaten.

Websites für alle. Eckpunkte einer barrierefreien Gestaltung digitaler Online-Präsenzen
Matthias Kurz, Geschäftsführer media machine Mainz www.mediamachine.de

Durch Social Media vollzieht sich eine sehr starke Änderung des bislang bekannten Internets, vor allem mobiles Internet wird stark wachsen. Durch die Dominanz des Internets müssen Belange Behinderter künftig viel mehr berücksichtigt werden, da sie sonst in der Online-Welt benachteiligt sind. Internet ist für Behinderte geeignet. Weil:

  • es hat Zeit
  • es findet keine Diskriminierung statt
  • es ist nahezu überall verfügbar

Barrieren, die meist auch Nicht-Behinderte stören:

  • captcha (schwer bis gar nicht lesbar)
  • Struktur der Seite
  • Bedienung ohne Maus (Blinde nutzen Tastaturen)

Anforderungen an eine barrierefreie Seite:

  • wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robuste Programme (z.B. Browser)
  • Konzept von Anfang an bedenken, Teil der Mission
  • flexibles/anpaßbares Design (Schriftgrößen/Kontraste)
  • korrekter Code/Semantik: Sprachbrowser können Struktur erkennen. Google ist letztlich auch blind und findet letztlich nur strukturierte Inhalte.
  • aktuelle Browser
  • Textgliederung (Struktur Überschriften, Absätze usw.)
  • Zusammenfassung bei langen Texten
  • Fachbegriffe in Maßen
  • textliche Beschreibung von Bildern/Animationen
  • verständliche Begriffe in der Navigation (Als Link nicht hier verwenden. Besser Startseite)

Eine vorbildliche Seite ist z.B. aktion-mensch.de. Die Seite einfach-fuer-alle.de listet Checklisten auf, die erklären, was notwendig ist für eine barrierefreie Internetseite. Ebenso die Kriterien des Biene-Awards können als Orientierung dienen (biene-wettbewerb.de)
Web 2.0 ist die Chance. Mobiles Internet wird große Veränderungen bringen.

Blinde Menschen im Museum
Hela Michalski, Hörfilm e.V., München www.hoerfilmev.de

Audio-Beschreibung mit Uhrzeiten, Farben, Vergleichen usw. Blinde wollen selbst entscheiden, wann sie was hören. Keine Dauerbeschallung gewünscht. Mittels konkreter Beschreibungen können Blinde vollständig selbständig Museen erkunden.

Das neue Folientastbuch im Landesmuseum Mainz – ein weiteres Angebot für Blinde und Sehbehinderte
Dieter Becker, Landesmuseum Mainz www.landesmuseum-mainz.de

Taktile Elemente, Großschrift, Braille: Informationen zur Orientierung und Hintergründe zu Exponaten. Entstanden ist das Folientastbuch in Zusammenarbeit mit Blista. Herausforderungen:

  • Farbdarstellungen. Lösung: verbale Beschreibung, wie Leuchten der Farbe Blau wirkt.
  • Perspektiven/Bildebenen. Lösung: Details auf einzelnen Seiten erklärt; z.B. Personen, Landschaft, Gegenstände

Anforderungen und Strategien im barrierefreien Tourismus
Karina Krauß, Rheinland-Pfalz-Tourismus GmbH www.rlp-info.de

Normen (z.B. DIN) reichen nicht – Servicequalität ist gefragt: Informationen, Anreise, Unterkünfte, Essen und Trinken, Freizeit, Unterhaltung und Sport. Einzelne Angebote (z.B. Museum) reichen nicht aus – ein kompletter barrierefreier Urlaub ist der Wunsch der allermeisten Menschen mit Behinderung. Verknüpfung von z.B. Kultur-, Wellness und Sportangeboten in Verbindung mit barrierefreien Angeboten ist die Lösung, die leider nur punktuell schon Realität ist.

Gehörlose Menschen im Museum
Ralph Raule, Gebärdenwerk GbR, Hamburg www.gebaerdenwerk.de

Videoguide als Weiterentwicklung des Audioguides, (z.B. im Landesmuseum Mainz, BMAS Berlin, Ostwall-Museum Dortmund und Technikmuseum Wien im Einsatz). Andere Texte für Videobeschreibung notwendig im Vergleich zum Audioguide. Alternative in einigen Museen: Führungen von Gehörlosenführern. Anforderungen an Museen:

  • Gehörlosen haben meist Schwierigkeiten mit der Schriftsprache, daher ist eine zielgruppengerechte Ansprache notwendig
  • Gebärdensprache funktioniert dreidimensional – Schwierigkeit, dies im Video darzustellen
  • Dialekte in der Gebärdensprache: Unterschiede in Deutschland, Österreich, Schweiz, Britisches Englisch unterscheidet sich auch in der Gebärdensprache vom amerikanischen Englisch

Demografiefest – barrierefrei und attraktiv für alle Generationen
Mathias Knigge, grauwert – Büro für demografiefeste Produkte und Dienstleistungen, Hamburg www.grauwert.info

Meistens werden nur defizitorientierte Angebote geschaffen – besser wäre es, die Ansprüche der unterschiedlichen Generationen als Chance zu betrachten. In der Regel sind altersgerechte Lösungen nicht weniger schön, wenn man es vernünftig macht. Beispiel: Kunsthalle Emden ist nun demografiefest; Kunsthalle Bremen derzeit in Bearbeitung. Viele Aspekte: Zuwegungen, Beschilderung, Parkplätze, Lichtverhältnisse im Museum, Unterfahrbarkeit von Theken, Sitzgelegenheiten mit Rückenlehnen sind viel besser als Bänke, Spiegel bis zum Boden für Kinder und Rollstuhlfahrer.

Barrierefreiheit als Angebot für alle MuseumsbesucherInnen – im großen Haus erprobt – für kleinere Einrichtungen geeignet
Anna Doepfner, Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin

Die Ansprüche von Frauen im Technikmuseum wurden bislang zu wenig bedacht – Ausstellungen waren bislang eher für Männer/Jungs interessant.

Museumssterne Basel – ein beispielgebendes Projekt
Beat Ramseyer, Leiter des Projekts Museumssterne Basel
Caroline Buffet, Museum am Burghof, Lörrach www.museumssterne.ch

Ein barrierefreies Museum ist gleichzeitig auch ein Museum für ältere Menschen. In Sachen Information, Zugänglichkeit, Ausstellung und Veranstaltungen wurden Basler Museen aufgefordert, sich dem gut dotierten Wettbewerb zu stellen. Die Auszeichnung mit dem Stern war für die teilnehmenden Einrichtungen Ansporn für weitere Verbesserungen und Lob zugleich.

Mit Leichter Sprache durchs Museum – Führungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten durch Menschen mit Lernschwierigkeiten
Ulrike Städtler, Spohr Museum, Kassel www.spohr-museum.de

Kurze Sätze, fast keine Nebensätze, in jedem Satz nur eine Information. Keine Fremd-/Fachwörter.:Ein Audioguide ist eine Führung per Kopfhörer, ein Flyer ist ein Faltblatt.

Stumme Zeugen zum Sprechen bringen – erläutert an einem Filmprojekt mit einer Förderschule
Jörg Hahn, Museumspädagoge in der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesmuseum Koblenz www.gdke.rlp.de

Der Begriff Zeit ist für Förderschüler kaum vorstellbar. Mittels einer steinzeitlichen Geschichte, die als Film von den Kindern selbst gespielt wurde, konnte man die Historie im Eiszeitalter auf eindringliche Weise nahe bringen. Spiel und Spaß sind elementare Mittel, um Lernbehinderten abstrakte Phänomene zu verdeutlichen.

Weitere Informationen: Thomas Kohler – Kontakt

Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz