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Farce des Tages: Kandidatenfindung für Schloß Bellevue

Bremer Stadtmusikanten Original

Heimat des Interims-Bundespräsidenten: Bremen

Die Begründung der schwarz-gelben Regierungs-Fraktion als Ablehnung für Ursula von der Leyen ist aus Sicht des nun favorisierten Kandidaten Cristian Wulff eigentlich eine Peinlichkeit: Sie, die Vorbild-Mutter, -Ärztin und -Politikerin, ist angeblich im Arbeitsministerium nicht abkömmlich. Offenbar kann das Land Niedersachsen indes auf seinen Ministerpräsidenten verzichten? Und warum findet die Opposition lediglich einen 70-jährigen Gegenkandidaten? Joachim Gauck ist natürlich der bessere Redner, schlau und unermeßlich verdienstvoll für die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Und wo bleibt überhaupt der Kandidat der LNKEN? Stehen Kati Witt oder Henry Maske bereit? Beide würden immerhin die Bedingung erfüllen, älter als vierzig Jahre zu sein. Das träfe übrigens auch für Andrea Kiewel zu. Oder will man wieder mit dem 74-jährigen Peter Sodann an den Start gehen, um Zukunftsvisionen für Deutschland zu formulieren? Nein, nein, ganz falsch. Das Alter ist zwar richtig, das Geschlecht allerdings ein anderes: Luc Jochimsen soll offenbar die Zukunftsvision der LINKEN für Deutschland definieren.

Kurz-mal-Präsident Jens Böhrnsen wird in allen Zeitungen als sorgfältiger Aktenstudierer und Korrektheit in Person gelobt. Wahrscheinlich sind dies Eigenschaften, die ihn als perfekten Bundespräsidenten auf eine vollständige Amtszeit qualifizieren würden, selbst sein “Charisma eines Bürostuhls” (STERN) würde dem nicht entgegen stehen. Seine Qualitäten schätzt man in Berlin offenbar nicht. Die Hansestadt Bremen wird sich freuen. Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

Nachtrag per 08.06.2010: Wer hätte das gedacht, daß Gauck so gut ankommt. Es könnte eine äußerst spannende Wahl werden. Der demografische Wandel macht offenbar auch vor Präidentschaftskandidaten keinen Halt.

Zitat des Tages: Peer Steinbrück

Die Szymaniaks, Tilkowskis, Szepans und Burdenskis wurden nicht gefragt, wo sie herkommen, sie mußten gut kicken können.

Peer Steinbrück, Bundes-Finanzminister a.D.

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Das Runde muß ins Eckige

Offizier, Volkswirt, Referent im Ministerium, Staatssekretär, Minister und Schachspieler. Der Lebensweg von Peer Steinbrück klingt trocken wie seine letzte bedeutende Position als Herr der deutschen Finanzen. Eines der am meisten verwendeten Fotomotive ist das verkniffene Gesicht Steinbrücks mit nach unten gezogenen Mundwinkeln. Der Anti-Sympath, der Spießer, der perfekte Finanzbeamte  – diesen Eindruck MUß man einfach gewinnen. Auch in der Web 2.0 Welt gibt es beim Thema Peer Steinbrück wenig zu lachen (zumindest für ihn selbst): Schweizer mögen ihn nicht, weil er deren Bankgeheimniskrämerei in Frage stellte und viele weitere Nutzer von Facebook & Co. wollen ihn einfach nur abwählen oder finden ihn bieder und merkwürdig.

Doch Steinbrück hat Qualitäten, die die meisten anderen Politiker vermissen lassen: er sagt, was er meint und das ohne Rücksicht auf Parteifreunde. Bei seinem Abschied aus dem SPD-Parteivorstand im Oktober 2009  kamen die entscheidende Sätze, die zeigen wie analytisch er denkt und welche Schlüsse er daraus zieht: “Alle bisher gegebenen Deutungen des Wahlergebnisses befriedigen mich nicht. Für mich steht die Tatsache rätselhaft im Raum, dass mitten in der größten Wirtschafts- und Finanzkrise seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine Mehrheit der Bevölkerung nicht etwa kapitalismuskritisch – um nicht “antikapitalistisch”, mit der Gefahr von Missverständnissen zu sagen – gewählt hat, sondern eine konservativ-liberale Bundesregierung, die in Teilen stramm markttheologisch orientiert ist. Ich will sagen: In einer Zeit, in der breite Teile der Bevölkerung Augenmaß, Balance, Maß und Mitte anmahnen und dementsprechend sozialdemokratische Antworten eigentlich willkommen sein müssten, entzieht uns ein breites Publikum Vertrauen. Der Hinweis auf die Chiffren Agenda 2010, Hartz IV oder auf die Rente mit 67 oder die Mehrwertsteuererhöhung reicht als Erklärung nicht aus. Denn in keinem dieser Konfliktpunkte ist von einer konservativ-liberalen Bundesregierung eher eine Korrektur zu erwarten als von der Sozialdemokratie.”

Und dann kam es noch ganz dick für die Parteiführung: “Dies alles wirft Schlaglichter darauf, wie stark die SPD mit sich selbst beschäftigt ist. Die innerparteiliche Sicht – und auch innerparteiliche Legitimationsbeschaffung in unseren Gremien – spielt eine unverhältnismäßig große Rolle gegenüber der viel wichtigeren Frage, wie wir durch den Wähler in der Wahlkabine legitimiert werden können. Den Hinweis von klugen Beobachtern, dass sich Parteien zu selbstreferenziellen Systemen entwickeln können, würde ich in der Lage, in der wir jetzt sind, sehr ernst nehmen.”

Hinweise und Links: Die Facebook-Feinde von Steinbrück und die Brandrede vom Oktober 2009. Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz

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