Archiv für Kritik
Behördendeutsch
Das, was man meint und jenes, was geschrieben steht, ist in den allermeisten Fällen nicht deckungsgleich. Die merkwürdigste Variante des Auseinanderdriftens von tatsächlicher Schrift und eigentlichem Ziel und Zweck der Aussage ist das Behördendeutsch bzw. Beamtendeutsch. Hier sind keine Gefühle, Stimmungen oder Meinungen zu berücksichtigen (wodurch beispielsweise die Umgangssprache ganz zwangsläufig beeinflußt wird); ebenso kann durch Mimik und Gestik nichts abgewandelt werden. Dennoch versteht der Normalbürger in der Regel nichts und die kleine Elite, die dem Kauderwelsch inhaltlich folgen kann, schüttelt nachdenklich den Kopf. Allein die Länge der Behördendeutsch-Texte ist meistens ermüdend bis unerträglich.
Deutsch, das keiner versteht
Wo die Ursachen für diese mehr als sonderbare Form des Deutschen zu finden sind, weiß höchstwahrscheinlich niemand. Eine denkbare Erklärung: das wurde schon immer so gemacht. Hilfreich könnte es für Behörden sein, jemanden zu fragen, wie die Sprache verständlicher gemacht werden könnte: Kinder würden es ganz einfach umschreiben, eine Internetagentur würde gleich an die mögliche digitale Vermarktung der Inhalte nachdenken, Twitter-Nutzer hätten in 140 Zeichen alles gesagt und vermutlich hat Google auch für Behördendeutsch bzw. Juristendeutsch ein kostenloses Übersetzungstool.
Hier ein Beispiel, das durchaus als Abschreckung dienen darf:
Versicherungspflichtig sind gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V), § 20 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Elftes Buch (SGB XI), § 1 Satz 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Sechstes Buch (SGB VI) sowie § 24 Abs. 1 Nr. 1 Sozialgesetzbuch Drittes Buch (SGB III) Arbeitnehmer.
Solche Sätze in epischer Breite stammen von der Deutschen Rentenversicherung. Vermutlich war gemeint: Arbeitnehmer sind gemäß gesetzlicher Regelungen versicherungspflichtig.
Twitter Hashtag #wulfffilme – 200 Bundespräsidenten-Kinohits
Über 400 Filmvorschläge zu Ehren von Bundespräsident Christian Wulff und seiner Kredit-, BILD- und Anrufbeantworteraffäre sind bei Twitter online und stündlich werden es mehr. Die Twitter-User nutzen den hashtag #wulfffilme. Die Aktion zeigt wieder einmal Geschwindigkeit und Kreativität der Web2.0-Gemeinde. Auf storify.com kann die komplette Liste eingesehen werden, die von Thomas Kohler zusammengestellt wurde. Inzwischen wurden auch die ersten Filmplakate hinzugefügt. Passend zur Thematik ein Auszug aus der Rede des Bundespräsidenten vom 22. Dezember 2011, die er als Reaktion auf erste Beschuldigungen bezüglich seines Privatkredites hielt:
“Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft. Das bedeutet gerade für Amtsträger, jederzeit die Wahrnehmung ihrer Aufgaben vor der Öffentlichkeit zu erläutern und gerade auch im Grenzbereich zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen Amt und privat, die erforderliche Transparenz herzustellen. Das ist, wie viele von Ihnen auch wissen, nicht immer leicht, gerade, wenn man an den Schutz betroffener Familienangehöriger und Freunde denkt. Aber es ist eben notwendig, denn es geht um Vertrauen in mich und meine Amtsführung.”
Die erotischte Zahnlücke der Musikgeschichte
Kitty, Daisy & Lewis – Messing With My Life
Analoge Verstärker (macht nichts, der Sound ist lauter als das Rauschen der Röhren), eine Zahnlücke und drei Geschwister, die es richtig krachen lassen – mehr braucht es nicht zum Superhit. Wenn Sie live auftreten, sind die Eltern an den Instrumenten mit dabei. Die Mutter ist meist barfuß und spielt Kontrabaß. Mehr geht wirklich nicht auf dem Weg zum Pophimmel. Große Kunst, bei der man nicht so recht weiß, ob es Retro-Funk, -Blues, -Rock’n'Roll oder -Ska sein soll. Egal – Kaufbefehl!
Sommerhit 2011
Auch auf die Gefahr hin, daß der Sommer wetterbedingt nicht wahrgenommenwird. Der Sommerhit ist eindeutig und unangefochten Mr. Saxobeat von Alexandra Stan. Warum? Vier ganz einfache Erfolgsgeheimnisse.
- Die Sängerin ist blond, sexy und bewegt sich im Takt. Das Outfit ist entsprechend knapp ohne jedoch den Hauch von irgendetwas zu zeigen. Andeuten ist das neue Zur-Schau-Stellen.
- Endlich traute sich mal wieder ein Produzent auf gute, altbewährte Housemusik zu setzen. Der Beat ist uralt, tausendmal kopiert und abgewandelt worden und dennoch einfach nur gelungen bis perfekt.
- Man kann man nach zwei mal Hören mitsingen. Oh, yeah, mmm yeah…Versuchen Sie das mal bei einem James Blunt Song.
- Das Video ist bei entsprechenden Portalen frei verfügbar. So einfach entstehen Hits im 21. Jahrhundert.
Bücher für den Sommerurlaub
Spannung in Afrika
Ist man der, der man glaubt zu sein? Und was weiß der andere über mich? Oder weiß ich gar mehr über den anderen, als mir selbst bewußt ist? Mit MALINDI, einem Psychothriller, geht man auf eine Reise bis nach Kenia auf der Suche nach Vergangenheit und Wahrheit. Marc Kessler, Tiefenpsychologe und Protagonist dieser ungewöhnlichen Reise, wächst dem Leser dabei unweigerlich ins Herz: man gönnt ihm regelrecht, die Hintergründe der äußerst merkwürdigen Umstände zu erfahren. Gelegentlich muß man richtig mit ihm leiden, aber das macht die Sache nur noch liebenswürdiger. Vor allem weiß man nach der Lektüre: das Leben eines Tiefenpsychologen möchte man keinesfalls führen. Hedge-Fonds-Manager in in Finanzmarktkrisenzeiten, Trainer einer abstiegsbedrohten Fußballbundesliga-Mannschaft oder Polizist beim Einsatz am Ersten Mai in Berlin-Kreuzberg versprechen mehr Ausgeglichenheit, Konstanz und Perspektive.
“Wenn die Therapie auch nur den Hauch einer Erfolgschance haben sollte, dann mussten er und Marc sich zunächst aufeinander einspielen. Danach mussten begleitende Maßnahmen getroffen werden, damit niemand in Wallners Umfeld zu Schaden kam, wenn seine seelischen Probleme offen zutage traten. All das erforderte sorgfältige und zeitaufwendige Vorbereitung und funktionierte nur unter der Bedingung: dass während dieser Zeit kein Zündfunke auch nur in die Nähe des Pulverfasses von Wallners brodelnden Agressionen kam.”
Alternative zu Ostafrika
Ernst Kleemann, der schon den Hamburger Detektiv Meise schuf, legt ein spannendes Buch für den Strandkorb vor. Aber vergewissern Sie sich, daß der Strandkorbwärter auch tatsächlich der ist, der er vorgibt zu sein. Man weiß ja nie. Passend dazu gab der gleiche Verlag einen Bildband zur schönen Ostseehalbinsel heraus: 365 Tage Fischland, Darß und Zingst von Georg Jung – Der immerwährende Kalender für eines der kostbarsten und schönsten Küstengebiete Europas. Viel schöner als Kenia. Aber doch ähnlich: spannende und unterhaltsame Geschichten rund um die Bewohner am Bodden. Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz
In der Kürze liegt die Würze – Themenwoche Essen ist Leben
Themenwoche Essen ist Leben in der ARD – das bedeutete tägliches Programm im Ersten und den Dritten mit Beiträgen zum Thema Essen und Ernährung. Ein Extra-Logo wurde eingeblendet, man lernte, wie weit und lange Lebensmittel auf Reisen sind und unter anderem durfte Tim Mälzer seine feine Küche präsentieren. Doch nicht nur die üblich verdächtigen Fernsehköche machten diesen Braten fett: unglaublich viele Sendungen, Beiträge und Magazine beschäftigten sich im weitesten mit dem Thema: ein Spielfilm zum Fasten im Ersten (dank Maxim Mehmet, Inka Friedrich und Dietmar Bär war der sogar trotz des sperrigen Themas hübsch anzusehen), Liebe und andere Delikatessen bei Bayern 3, ein Polizeiruf zum Thema Schweinemast (in dem der Begriff Bohnekaffee öfters genannt wurde, als in anderen Schmonzetten Latte Macchiato geschlürft wird), Berichte über Food Design, Genfood und Diäten. Ebenso durften die Anklagen nicht fehlen: Hunger in Afrika, Tonnen von Lebensmittelmüll und die dramatischen Probleme im Zusammenhang mit der Biospritherstellung in Kolumbien.
Die fast unüberschaubare Magazinlandschaft im Ersten Programm legte ebenso nach, besonders in der Wahl der Beitragstitel: Weltreise – mit dem Magen durch Amerika (Eins Extra), Planet Wissen: Alles über Nudeln – Die Stammesgeschichte von Pasta, Spätzle & Co. (WDR) und Exakt – Die Story: Dickes Deutschland – Übergewicht und die Folgen (MDR). Dazu kamen die unverzichtbaren Talkshows und hunderte Beiträge in den zig Radiosendern der ARD und ein umfangreiches Internetangebot mit Kalorienrechner und Ratespielen. Alles mit dem hehren Ziel: Die ARD-Themenwoche sollte zeigen, wie wir mit unserer Ernährung die Welt verändern, Denkanstöße für einen bewussteren Konsum vermitteln und Appetit machen auf gutes und gesundes Essen. Täglich gilt: Man ist, was man isst. So zumindest hatte es das Erste im Vorfeld der Tehmenwoche bekannt gegeben.
Den entscheidenden Spritzer Extrafinesse, der zu dieser Themenwoche fehlte, brachte allerdings erst Altmeister Harald Schmidt am späten Abend. Er kürzte den ganzen Rummel um dieses Thema auf 10 Sekunden zusammen: Was muß man bei der Ernährung beachten? Nicht so viel, öfters mal bewegen, nicht maßlos rauchen und saufen. Mahlzeit!
Streitpunkt des Tages: Multikulti
Wenn alle mitreden, aber kaum jemand Bescheid weiß, ist es immer ein sicheres Zeichen dafür, daß das Thema in einem sehr kurzen Zeitraum hochkocht und dann genauso schnell wieder vergessen wird. So zu beobachten derzeit beim Begriff Multikulti. Bundeskanzlerin Merkel hat die aktuelle Diskussion durch ihr Zitat: Multikulti ist gescheitert angeregt. Viele Zeitungen und Onlinemedien greifen dieses Thema in epischer Breite auf. Was versteckt sich eigentlich dahinter?
Multikulturalismus
Multikulturalismus ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Kulturpolitik eines Landes. Multikulturalisten treten für den Schutz und die Anerkennung kultureller Unterschiede durch den Staat ein. Multikulturalismus steht dem Gedanken einer dominanten Nationalkultur ebenso entgegen, wie dem in den USA weit verbreiteten Gedanken des Melting Pot, der von einer Angleichung der verschiedenen Kulturen ausgeht.
Das Ideal der multikulturellen Gesellschaft
Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder „Druck“ zur Assimilation geben soll. Die ethnischen und kulturellen Gruppen sollen hingegen nebeneinander existieren. Dabei beruht dieses Modell auf der Voraussetzung, dass die (Angehörigen der) jeweiligen Ethnien sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen.
Die in einer multikulturellen Gesellschaft entstehenden Konflikte sollen dabei – nach dem Willen der Befürworter eines solchen Gesellschaftsmodells – durch eine sogenannte „interkulturelle Erziehung“ minimiert werden, ebenso wie durch eine restriktive Anti-Diskriminierungs-Gesetzgebung.
Foto: Thomas Kohler@Flickr CC-Lizenz, Text inspiriert durch diesen Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Multikulti






